Botho Stüwe
(18.12.1919 - 11.12.2021)

Ein würdiger Höhepunkt unserer Jahreshauptversammlung 2007 war die Auszeichnung von Botho Stüwe mit der Urkunde als Ehrenmitglied im Förderverein Peenemünde für seine Verdienste bei der Bewahrung des Wissens über das Werk Peenemünde-West, sowie der aktiven Mitarbeit bei der Aufarbeitung der Geschichte der Luftwaffenerprobungsstelle Peenemünde. Botho Stüwe ist seit 19. Januar 1993 Mitglied in unserem Verein.
Botho Stüwe wurde am 18. Dezember 1919 in Berlin-Neukölln geboren. Nach Schulbesuch, einer Ausbildung auf feinmechanischem und nachrichtentechnischem Gebiet und anschließendem Ingenieurstudium an der Berliner Ingenieurschule Gauß begann für ihn im Oktober 1940 der Wehrdienst bei der Luftwaffe (Nachrichten), bei der er als Bodenfunker und Bordfunker ausgebildet wurde.
Im Mai 1941 wurde er auf Anweisung des Reichsluftfahrtministeriums zu einer technischen Überprüfung an die Fliegertechnische Schule in Gießen kommandiert. Im Juni 1941 wurde er als Ingenieur-Soldat zur Versuchsstelle der Luftwaffe Peenemünde-West versetzt. Dort war er bis April 1945 im Labor E4C/1 als Messtechniker auf den Gebieten Fernmelde-, Hochfrequenz- und Fernlenktechnik sowie Akustik tätig und an unterschiedlichen Entwicklungen beteiligt.
Zwischenzeitlich erfüllte er 1942 im Rahmen der Erprobung der nachgelenkten Fallbombe PC 1400-X („Fritz X“) Aufgaben bei der Erprobungsstelle FOGGIA – E-Stelle Süd, Italien und von August 1943 bis Juli 1944 in JESAU – E-Stelle Flugplatz Jesau, Ostpreußen. Nach seiner Rückkehr nach Peenemünde arbeitete Stüwe bis zum Ende der E-Stelle im Frühjahr 1945 an der Erprobung von automatischen Zündern.
Nach der Evakuierung Peenemündes wurde er zur Erprobungsstelle Wesermünde (Bremerhaven) versetzt, wo er kurze Zeit später nach der deutschen Kapitulation durch britische Truppen gefangen gesetzt wurde. Alle Angehörigen der E-Stelle, darunter auch Botho Stüwe, wurden in Drochtersen (bei Stade) interniert. Hier warteten die ehemaligen Ingenieursoldaten auf ihre Entlassung in eine ungewisse Zukunft.
Von 1947 bis zu seiner Pensionierung 1985 arbeitete Botho Stüwe als Entwicklungsingenieur bei der Firma Siemens in Nürnberg und war zuletzt als Oberingenieur im Siemens-Forschungszentrum Erlangen an der Entwicklung von Brennstoffzellen beteiligt. Als Mitglied der im Dezember 1966 gegründeten "Interessensgemeinschaft Ehemaliger Peenemünder" engagierte er sich ehrenamtlich in der „Historischen Arbeitsgemeinschaft Peenemünde“ (HAP).
Botho Stüwe hat in seinem 1995 erschienenen 850 Seiten starken Sachbuch "Peenemünde-West. Die Erprobungsstelle der Luftwaffe" lebendig und äußerst detailliert die Entstehungsgeschichte der Versuchsstelle sowie die Entwicklungsgeschichte der vielen hier erprobten Geräte und Waffensysteme geschildert. Das seitdem durch mehreren Verlage veröffentlichte Buch (Bechtle 1995, Bechtermünz-Verlag 1998 & Rhino-Verlag 2022) ist inzwischen zu einem Standartwerk über Peenemünde geworden.



Eine wunderbare Ergänzung ist der 2003 erschienene Bildband von ihm über Peenemünde-West.
Botho blieb sich stets treu und ließ sich nicht verbiegen. Folgende Zeilen aus dem Vorwort seines Buches "Peenemünde-West. Die Erprobungsstelle der Luftwaffe" gelten noch immer und bleiben zeitlos:

"Als nach 1990, durch die politischen Verhältnisse bedingt, - Peenemünde wieder in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit treten konnte, setzte ein Tauziehen um die Bedeutung und historische Einordnung Peenemündes aus der Zeit von 1937 bis 1945 ein. Die einen hätten es gern als "Wiege der Raumfahrt" deklariert. Andere, besonders die heute etablierte Geschichtsbetrachtung, sieht darin ein weiteres dankenswertes Objekt der Vergangenheitsbewältigung.
Wer die bisherigen weiteren Veröffentlichungen von Zeitzeugen, W. Dornberger: "V2, der Schuss ins Weltall"; G. Reisig: "Raketenforschung in Deutschland" und den Beitrag von M. Mayer: "Versuchs- und Erprobungsstelle der Lw. Peenemünde-West/Usedom in Bd. 27, "Die deutsche Luftfahrt" hinzuzieht, der wird sicher zu dem Schluss kommen, dass sich die Vergangenheit Peenemündes für vielfältige Darstellungen eignet, nur nicht zu einem bevorzugten Objekt einer vergangenheitsbewältigenden Gedenkstätte".
"Weiterhin ist es falsch, wenn historische Vorgänge mit Wertvorstellungen der Gegenwart beurteilt werden. Der erst in der Nachkriegszeit weithin anerkannte Gedanke, daß der Wissenschaftler und Ingenieur seine Bereitschaft zur Mitarbeit an einem Projekt erst im Hinblick auf dessen Anwendung verantwortungsbewußt geben oder verweigern soll, war zur damaligen Zeit weltweit kein Thema. Trotzdem wird der kritische Maßstab des Gedankens der »freien und moralischen Entscheidung« an die Männer der damaligen Zeit angelegt. Aus der Sicherheit, die ihnen eine nach grenzenloser Freiheit strebende Zeit heute zu geben scheint, fällen die heutigen Kritiker ihr vernichtendes Urteil.“
Anfang Oktober 2016 besuchte Botho zum letzten Mal Peenemünde. Am Sonnabend, den 11. Dezember 2021, verstarb unser Ehrenmitglied Botho Stüwe mit 101 Jahren in seinem Heimathaus in Fürth.
Botho war der letzte noch lebende Peenemünder Ingenieur. Am 18. Dezember 2021 wäre er 102 Jahre alt geworden. Ein wahrhaft langes und erlebnisreiches Leben ging zu Ende.
















